Offener Brief an das österreichische Parlament



 

Der Balkanflüsterer
Wien am 04.Oktober 2017

Sehr geehrte Damen und Herren,

in den letzten Monaten sind wir Zeugen geworden, dass manche österreichische Politiker sich öfters über Balkanländer äußerten, ohne sich vorher gründlich zu informieren.
Solche «Balkanflüsterer der Differenzen» bringen nur Unmut und heizen die Lage in Balkanländern unnötig auf.
Wieso reisen solche Flüsterer nicht nach Spanien um Katalanen zu beraten, wieso reisen sie nicht nach Belgien um Flamen zu beraten, wieso nicht nach Nordirland, Schottland, Italien oder Bayern?
Hat das mit der Entwicklung der Völker, Länder oder Kulturen was zu tun, oder mit eigenen Schwächen?
Es wäre viel besser die Zeit zu nutzen, um für Österreich zu arbeiten, anstatt sich in Angelegenheiten anderer Länder einzumischen. Es gibt hier genug zu tun, um für die nächsten Generationen einen besseren Fleck auf dieser Erde zu hinterlassen.

Balkanländer, darunter auch Bosnien, haben eine eigene Geschichte. Wir rechnen mit dem Jahr 1189, als der bosnische Ban Kulin den ersten Staatsvertrag geschrieben hat – das älteste Dokument eines südslawischen Herrschers überhaupt.
Seit Jahrhunderten lebte die Bevölkerung Bosniens bis 1992 in Frieden miteinander.

Die Existenz einer islamischen Bevölkerungsgruppe in Bosnien geht vor allem auf die Konversion regionaler Eliten zum Islam während der osmanischen Zeit zurück. Der bosnische Adel und die Stadtbürger nahmen freiwillig den Islam an.
Ein Erbe der osmanischen Herrschaft war auch die Präsenz sephardischer Juden, die nach der Reconquista aus Spanien vertrieben worden waren. Dank der osmanischen Toleranz in Religionsangelegenheiten entstanden jüdische Gemeinden in den städtischen Zentren der Region.

Auch während der Zeit in der Österreich-Ungarn Monarchie, wurde die zwischenmenschliche Toleranz weiterentwickelt. Die Bosnier haben sich wieder an den neuen Herrscher gewöhnt und nachher auch dafür gekämpft, dass Bosnien weiter im westlichen Bündnis bleibt. Das zweite bosnische Regiment in der k.u.k Armee (zweier Bosniaken) war das meistausgezeichnete Regiment in der k.u.k. Armee überhaupt.
Die Zeit, in welcher die Österreichisch-Ungarische Monarchie in Bosnien war, war eine Zeit, die Prosperität und Entwicklung in Bosnien mit sich brachte, war eine Zeit von korrekten Verhältnissen zwischen der Bevölkerung und dem Staat, war eine Zeit mit einem korrekten Rechtssystem.
Die Wienerverwaltung hat viel Gutes getan, sodass die muslimische Bevölkerung sich wohl fühlte, was nach dem Zerfall der Monarchie nicht mehr der Fall war.

Nun, westliche «Flüsterer der Differenzen» haben mit dem Dayton-Abkommen ein auf Genozid basierendes Konstrukt in Bosnien geschaffen der nicht funktionieren kann. Dieses Land wird weiter mit einem dreiköpfigen Präsidium geführt, welches nie in der Lage sein wird sich zu einigen und offensichtlich Intention war.
Statt wieder auf Versöhnung zu steuern, ernähren solche Flüsterer die Differenzen, um Volksgruppen zu spalten. Seit Jahrhunderten ist das Gebiet Bosniens als autochthon gelebt worden und soll auch weiter sein. Gerade österreichische Politiker sollten sehr behutsam vorgehen.

Hauptmann Sigmund Gandini schrieb im Jahre 1931: "Wie immer man sich auch zum Soldatentum und zum kriegerischen Geschehen stellen mag, eines ist gewiss, wir Österreicher haben guten Grund, uns der (treuen) Söhne von Bosnien-Herzegowina dauernd und dankbar zu erinnern".

Ein Besuch des Soldatenfriedhofs in Lebring (Bosniaken Friedhof) wäre für die jetzigen Politiker sehr lehrreich.


Siradj Duhan

Ziviltechniker für Maschinenbau
Obmann der Gesellschaft Bosnischer Akademiker in Österreich

 


Offener Brief an das österreichische Parlament