Bošnjani, Bosniaken, Bosnier – Namen für menschliche soziale Gruppen



Bošnjani, Bosniaken, Bosnier – Namen für menschliche soziale Gruppen
Univ. Prof. Senadin Lavić


Univ. Prof. Senadin Lavić - Bošnjani, Bosniaken, Bosnier – Namen für menschliche soziale GruppenBei den Versuchen über die Namen von Menschengruppen in Zeit und Raum, also über zeitlich-räumliche Wesen zu sprechen, tritt eine unvermeidliche Einsicht auf. Es ist nämlich bemerkbar, dass Menschengruppen im Laufe der Geschichte ihre Namen ändern. Ebenso ändern sich die historischen Umstände ihrer Existenz bzw. der historisch-kulturelle Kontext der Existenz. Die Verbindung zwischen einem Namen und dem Kontext weist auf die Selbstreflexion der Gruppe (wie sie denkt, versteht und sich selbst vorstellt) und ihre historische Kraft hin. Manchmal werden Namen geändert, damit sich eine Person oder eine Gruppe vor etwas oder jemandem verstecken kann. Manchmal werden Namen aufgrund der unterschiedlichen Zustände, in denen sich eine Gruppe befindet, vergessen oder unterdrückt. Der Name ist ein Zeichen für das Wesen.

Bosnien ist ein alter Name für einen Raum, eine Machtordnung, eine kulturelle Tatsache, über die wir seit mehr als einem Millennium etwas hören. Sein ursprünglicher ältester Name ist wahrscheinlich „Bosona“, der sich linguistisch nach I. Pašić idealerweise vom Namen der thrakischen Volksgruppe „Basanisai“ (βασανίσαι) ableiten lässt.

Bosnien ist, verglichen mit Serbien und Kroatien, die älteste und beständigste Bezeichnung für eine räumliche Einheit, Regierungsform, kulturhistorische und politische Tatsache auf diesem Gebiet. In den unbewussten, kontroversen und obsoleten Äußerungen der Ethnopolitik wird Bosnien auf seine Geografie oder einen geografischen Begriff reduziert, den jeder nach seinen eigenen ideologischen Bedürfnissen oder je nachdem wie stark er ist, interpretieren kann. Bosnien ist jedoch eine politische Tatsache und beeinflusst maßgeblich die politische Identität der Bürger, die dort leben und es als ihren Staat wahrnehmen. Wie jeder international (zwischenstaatlich) anerkannte Staat transzendiert er das oberflächliche Narrativ von Geografie und ethnopolitischer Identität. Der heutige Name von Bosnien, Bosnien und Herzegowina, ist der Name des Nationalstaats aller seiner Bürger, unabhängig davon wie sehr sie heute von ethnischen Priestern und Nationalisten getäuscht werden.

Die Begriffe „Bošnjanin“, „Bosniake“ und „Bosnier“ sind im logischen Sinne nicht identisch (sie haben keinen identischen Inhalt und Umfang). Es wäre richtig zu sagen, dass sie interferieren, d. h. sie haben teilweise den gleichen Inhalt und den gleichen Umgang oder, genauer gesagt, sie überschneiden sich.

Bošnjani gehören auf dem Territorium Bosniens einer mittelalterlichen Volksgruppe an, die aus dem antiken und spätantiken Substrat stammt. Dieses besteht aus folgenden Stämmen: illyrische Stämme, Goten, die auf dem Territorium des illyrischen Stammes Desidjata zwischen Bosnien und Drina einen Staat bilden, sowie Thraker, Awaren, Kelten, Vlachen, Slawen und andere Stämme, die im sich im Laufe der Geschichte auf dem Gebiet Bosniens aufgehalten haben. Bošnjani sind auch ein Volk des mittelalterlichen Bosniens, das von den Kotromanićs regiert wird. Sie sind Christen und haben eine bosnische Kirche, daher sind sie ein Teil der christlichen Metaphysik und arianischer und manichäischer Provenienz. Sie haben ein bosnisches Alphabet, die „Bosančica“, mit dem sie ihre Lese- und Schreibfähigkeit und ihre weltliche sprachliche Erfahrung entwickeln.

Bošnjani werden seit dem 15. Jahrhundert „Bosniaken“ (bosn.: Bošnjaci) genannt. Dies ist nichts Seltsames oder Unbekanntes, da das gleiche Phänomen auch bei anderen Nationen in der Umgebung zu finden ist. Die Variation des Namens Bošnjani/Bošnjaci ist das Resultat von Veränderungen im historischen und politischen Kontext, wie das Verschwinden des Königreichs Bosnien im Jahr 1463, die Gründung des osmanischen Sultanats, in dem sie dem muslimischen Glauben beitraten und kulturelle Merkmale dieser Religion erlangten. Sie änderten ihren biologischen Code, ihre gesamte Kulturform, das bosnische Bewusstsein, das sie 1737 in Banja Luka im Kampf gegen die österreichische Armee zeigten, ihre nationale Identität, die die bosnischen Franziskaner im 19. Jahrhundert beschützten, natürlich nicht. Unter ihnen wird die Sevdalinka und epische Literatur geboren. Ein wichtiges Charakteristikum der Bosniaken (Volksname) in dieser Zeit (15. – 20. Jhdt.) ist, gute Muslime und zum Teil gute Christen zu sein. Es ist ihr existentielles Ideal, in dem der Glaube über Lebensvorstellungen und Alltagsverhalten dominiert. Sie waren ein Volk mit mehreren Religionen. Die Ideologie des Nationalismus hat sie seit dem 19. Jahrhundert auf der Grundlage der Instrumentalisierung der Religion in "besondere und separate" ethnische Gruppen aufgeteilt.

Heute ist der Begriff „Bosnier“ Ausdruck des politischen Nationalbewusstseins gegenüber dem Staat Bosnien und Herzegowina. Es ist die Zugehörigkeit zu dem Staat und seinen strukturellen Bestimmungen. Ein Bosnier ist keine Negation der nationalen Identität oder der Identität einer nationalen Gruppe, wie sie die Ethnopolitik fälschlicherweise darstellen möchte. Mit dem Begriff „Bosnier“ (bosn.: Bosanac) wird die politische Verantwortung gegenüber dem Staat und die bürgerliche nationale Identität ausgedrückt. Alle Bürger von Bosnien und Herzegowina sind Bosnier, unabhängig von ihrer ethnischen, religiösen, kulturellen, sprachlichen oder sonstigen kulturell-psychologischen Identität.

Sie sind im rechtspolitischen Sinne Bürger des Staates Bosnien und Herzegowina und zeigen gegenüber diesem Respekt vor der Rechtsstaatlichkeit, patriotische Loyalität und politisches Bewusstsein.

In diesem rechtspolitischen Sinne sollte der Staat jedem einzelnen Menschen auf seinem Territorium Freiheit und Gleichheit gewährleisten. Auf diese Weise sichert der Staat jedem Bürger soziale, psychologische, wirtschaftliche und kulturelle Stabilität. Ein Bosnier ist ein Mitglied des international anerkannten bosnisch-herzegowinischen Staates bzw. der Nation.

Deshalb hat der Name „Bosnier“ einen semantischen Wert für die bosnische Nation. Die Nation ist daher eine politische Gemeinschaft gleichberechtigter Bürger eines Staates. Sie sollte nicht auf eine ethnische oder religiöse soziale Gruppe reduziert werden. Alle heutigen (Staats)Bürger von Bosnien und Herzegowina bilden die bosnisch-herzegowinische Nation und gehören ihr an. Sie sind Bosnier, Bürger von Bosnien und Herzegowina. Heutzutage ist der Bosnier ein loyaler Bürger gegenüber seinem Staat Bosnien und Herzegowina und seinen Werten (multiethnische Gesellschaft, multireligiöse Gemeinschaft, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Respekt für das Individuum und das Kollektiv).

Bisher konnte es in der Geschichte keine bosnische Nation und keine bosnische nationale Identität geben, denn Bosnien wurde erst 1992 als 177. Mitglied der Vereinten Nationen in die internationale Ordnung eingeordnet. Im ehemaligen jugoslawischen Staat fühlte sich das Bosnientum wie eine Zugehörigkeit zu Bosnien an, jedoch wurde diese wegen der Dominanz der Kulturnation und des allgegenwärtigen religiösen Bewusstseins verdrängt, gedankenlos und politisch unprofiliert. Bosnier sind in diesem historischen Augenblick keine ethnisch-religiöse, sondern eine rechtspolitische Kategorie und stellen die nationale Identität von Bosniaken, Kroaten, Serben, Juden, Albanern, Montenegrinern und anderen in Bosnien lebenden Menschen nicht in Frage.

 

Aus dem Bosnischen von Amina Čačković