{"id":1616,"date":"2021-06-26T20:56:16","date_gmt":"2021-06-26T18:56:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bhakademiker.org\/?page_id=1616"},"modified":"2021-06-26T20:56:16","modified_gmt":"2021-06-26T18:56:16","slug":"pladoyer","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.bhakademiker.org\/de\/pladoyer\/","title":{"rendered":"Pl\u00e4doyer"},"content":{"rendered":"<div class=\"vc_row wpb_row row\"><div class=\"wpb_column vc_column_container vc_col-sm-12\"><div class=\"vc_column-inner\"><div class=\"wpb_wrapper\"><h3 class=\"no-margin-top \" >Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Sprachbezeichnung Bosnisch<\/h3>\n\t<div class=\"wpb_text_column wpb_content_element \" >\n\t\t<div class=\"wpb_wrapper\">\n\t\t\t<p>In Bosnien und der Herzegowina ist die ethnonymische Zuordnung relativ einfach, die\u00a0<strong>Sprachenfrage aber komplex<\/strong>. Die heute &#8220;souver\u00e4ne&#8221;, international anerkannte Republik Bosnien und Herzegowina hat es als eigenes Land seit dem Mittelalter gegeben. Das Ethnonym Bosnier (bo\u0161njak \/ bo\u0161njakinja, bosanac \/ bosanka) war klar und stand bis zur\u00a0<strong>gro\u00dfserbischen Aggression<\/strong>\u00a0von 1991 in der Hierarchie der ethnonymischen Identit\u00e4t an erster Stelle.<\/p>\n<p>Man war Bosnier, dann erst serbischer, kroatischer, mohammedanischer Bosnier. Heute hat sich durch die nationale Aufhetzung von au\u00dfen (von den Zentren Belgrad, Agram) die Hierarchie ge\u00e4ndert. Man ist jetzt bosnischer Serbe oder bosnischer Kroate. Die Mohammedaner bleiben st\u00f6renderweise Mohammedaner.<\/p>\n<p>Infolge der vor allem von serbischer Seite seit \u00fcber 100 Jahren betriebenen Zuordnung zum Serbentum (KARAD\u017dI\u0106 spricht von orthodoxen, katholischen und mohammedanischen Serben) wurde auch die glottonymische Zugeh\u00f6rigkeit zu einer (bis heute) ungel\u00f6sten Frage. Die serbischen und kroatischen Bosnier h\u00e4tten kein Problem gehabt, ihre Sprache als serbisch<br \/>\noder kroatisch zu bezeichnen. Die mohammedanischen Bosnier aber w\u00e4ren gezwungen gewesen, eine Entscheidung zu treffen, die sie nicht treffen konnten noch wollten.<\/p>\n<p>Da es l\u00e4cherlich gewesen w\u00e4re, ihre Sprache als mohammedanisch zu bezeichnen, obwohl ihr Mohammedanertum seit Tito als nationales (ethnonymisches) Bekenntnis anerkannt wurde, ging man der Frage einfach aus dem Weg. Dieser kulturellen Buntheit Bosniens trug man in der Monarchie Rechnung.<\/p>\n<p>In den vierzig Jahren \u00f6sterreichisch-ungarischer Verwaltung (1878-1918) vermied man es im Schulwesen, die Sprache der Bosnier zu benennen. Wer immer in den letzten Jahren einen Bosnier fragte, ob er Serbe oder Kroate sei, ob er serbisch oder kroatisch spreche, erhielt ein erstauntes und verst\u00e4ndnisloses Achselzucken zur Antwort \u2013 eine meiner ersten (lehrbuch-unkonformen) slawistischen Ertahrungen.<\/p>\n<p>Nur in Bosnien h\u00e4tte das Glottonym serbokroatisch eine gewisse Chance gehabt, jedoch auch wieder eher negativ, n\u00e4mlich weder serbisch noch kroatisch. Man konnte und wollte sich nicht festlegen.<\/p>\n<p>Dieses Sich-Entscheiden-Sollen ist der rote Faden der bosnischen Geschichte. Soweit man diese bosnische Frage zur\u00fcckverfolgen kann, sieht man, da\u00df die Bosnier immer der Entscheidung aus dem Weg gingen, indem sie eine dritte Variante suchten und so dem Gesinnungsterror: orthodox oder katholisch, serbisch oder kroatisch entgingen. Im Mittelalter war f\u00fcr sie das Bogumilentum ein rettender Ausweg. Nirgendwo fand es so viele Anh\u00e4nger wie in Bosnien.<\/p>\n<p>Nach dem Vormarsch der T\u00fcrken bot der Islam eine g\u00fcnstige Gelegenheit, der Entscheidung auszuweichen. Nirgendwo auf dem Balkan hat man in so gro\u00dfer Zahl und so freiwillig den Islam angenommen. Es ist ein Zynismus gro\u00dfserbischer Ideologie, die mohammedanischen Bosnier f\u00fcr zwangsweise islamisierte Serben (kroatische Variante: f\u00fcr Kroaten) zu halten.<\/p>\n<p>Im \u00fcbrigen ist es den heutigen mohammedanischen Bosniern v\u00f6llig egal, ob ihre Vorfahren vor 500 Jahren Serben oder Kroaten waren. Durch ihre Lage an der tektonischen Bruchstelle zwischen West- und Ostrom sind die Bosnier, beides kennend, weise geworden und haben sich f\u00fcr anderes interessiert.\u00a0<strong>Sie sind die besseren Europ\u00e4er!<\/strong><\/p>\n<p>Wer in ihnen die Gefahr eines islamischen Fundamentalismus sieht, kennt ihre Geschichte nicht, Die wahre Gefahr in Bosnien kommt vom christlichen (dem orthodoxen und katholischen) Fundamentalismus. Wer wie die Serben (und die Kroaten) als erstes islamische Moscheen und Minarette unter Jubelgejohle zerschie\u00dft, kann dem anderen nicht Fundamentalismus vorwerfen. Wenn der &#8220;christliche&#8221; Westen den angegriffenen Mohammedanern keine Waffen zur Selbstverteidigung gibt, erkennt man, wie weit die &#8220;fundamentalistische&#8221; Propaganda gewirkt hat.<\/p>\n<p>Nach all diesen Erfahrungen gibt es f\u00fcr die Bosnier, um wieder in Frieden leben zu k\u00f6nnen, einen Ausweg, &#8211; und der ist terminologischer Art: man bezeichne sich (wie fr\u00fcher) als Bosnier und seine Sprache, wie immer sie linguistisch beurteilt wird, ohne den Makedonischen Fehler einer Neusprache zu wiederholen, der niemandem au\u00dfer den Serben etwas gebracht<br \/>\nhat, einfach als bosnisch.<\/p>\n<p>Diese M\u00f6glichkeit sollte allen offenstehen und von allen angenommen werden: von Mohammedanern, wie von den aus der Ferne aufgehetzten und gen\u00f6tigten &#8220;serbischen&#8221; und &#8220;kroatischen&#8221; Bosniern.<\/p>\n<p><strong>Zivio bosanski jezik!<\/strong><\/p>\n<p><strong>Otto Kronsteiner<\/strong><\/p>\n\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><div class=\"vc_row wpb_row row\"><div class=\"wpb_column vc_column_container vc_col-sm-12\"><div class=\"vc_column-inner\"><div class=\"wpb_wrapper\">\n<div class=\"vc_grid-container-wrapper vc_clearfix\">\n\t<div class=\"vc_grid-container vc_clearfix wpb_content_element vc_media_grid\" data-initial-loading-animation=\"fadeIn\" data-vc-grid-settings=\"{&quot;page_id&quot;:1616,&quot;style&quot;:&quot;all&quot;,&quot;action&quot;:&quot;vc_get_vc_grid_data&quot;,&quot;shortcode_id&quot;:&quot;1624733715458-9ecd0ee6-f787-0&quot;,&quot;tag&quot;:&quot;vc_media_grid&quot;}\" data-vc-request=\"https:\/\/www.bhakademiker.org\/wp-admin\/admin-ajax.php\" data-vc-post-id=\"1616\" data-vc-public-nonce=\"3d25b5185c\">\n\t\t\n\t<\/div>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Sprachbezeichnung Bosnisch In Bosnien und der Herzegowina ist die ethnonymische Zuordnung relativ einfach, die\u00a0Sprachenfrage aber komplex. 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